Astrid Brandt - Bleistift Papier



Die Genauigkeit der Zeichnungen ist kaum zu übertreffen: Das Gewebe der Polster, das Geflecht der Korbstühle, die feine Bügelfalte in der Damastdecke, die Riffelung eines Fensterglases, gehämmertes Blech, Blumentapete, blankgefegte Kunststoffoberflächen, Holzstrukturen, die feinen Spiegelungen im Glanz des Fußbodens, die beinahe unmerkliche Unregelmäßigkeit im Faltenwurf der Gardinen. Eine scheinbar zum Greifen nahe Stofflichkeit und Präsenz, die doch ungreifbar bleibt, schon weil alles in ein schattenloses Licht getaucht ist, das die unwirkliche Atmosphäre schafft. Die übersteigerte texturelle und materielle Wiedergabe der Gegenstände scheint sie zu entmaterialisieren, die Realität der Bilder entgleitet uns wieder, was ihnen dadurch geradezu etwas Übersinnliches gibt. Mit dem raffinierten Aufeinandertreffen der Materialien und Formen schaffen die Bilder eine Spannung zwischen Rationalität und Empfindung.

Schon in diesem Zusammenstoß von übersteigerter Realität und Transzendenz liegt das Eigenwillige und Besondere dieser Arbeiten. Astrid Brandt verfolgt ihr eigensinniges Arbeitsprinzip und Bildkonzept konsequent, ohne sich von zeitgeistigen Vorstellungen beirren zu lassen, und etwas von dieser Unbeirrbarkeit steckt nun in jedem ihrer Bilder. Ihnen haftet etwas Obsessives an, und nur eine obsessive Haltung lässt ein derartiges Vorgehen im Bildermachen zu.

 

Margot Michaelis (2000): Einleitung. In: Astrid Brandt - Bleistift Papier. Werkkatalog. Braunschweg: S. 9.