Astrid Brandt - Bleistift Papier

Perspektivisch durchkonstruierte Bildräume verweisen auf einen Zusammenhang zur Renaissance, auf die Entdeckung der Perspektive als Ausdruck eines anthropozentrischen Weltbildes, - und dahin fühlt sich die Künstlerin durchaus hingezogen. Nur fehlt ihren Räumen das menschliche Personal, das in den perspektivischen Gemälden der Renaissance wie auf einer Bühne agiert. Die menschenleeren Räume zeigen eine gestaltete, geformte Welt, die hier gleichsam vor uns aufgeführt wird wie in einem virtuellen Museum. Die Klarheit der Zeichnung korrespondiert mit der Ordnung der Dinge, die sich selbst noch in einer geöffneten Schublade in peinlich genauer Systematik präsentieren: Sorgfältigst bewahrte Erinnerungsstücke einer kalten, sich ihrer Modernität bewussten Industriegesellschaft, die sich überlebt hat. 
 

Die Bilder lassen uns in der Schwebe von Befremden, ja Fremdheit, beinahe Abgestoßensein von der Anonymität und Kühle  und gleichzeitigem Angezogensein von der Reinheit, Klarheit und dadurch vermittelten Ruhe und Dauer. Die Bildwelt erscheint hermetisch, denn es gibt stets nur ein Drinnen, das Draußen – etwa in den holländischen Interieurs des 17. Jahrhunderts immer noch durch Ausblicke und hereinfließendes göttliches Licht präsent – ist weitgehend ausgesperrt. Türen sind verschlossen, Durchgänge abgeschnitten, Treppen haben kein sichtbares Ziel, wo es Fenster gibt, schimmert bloß indifferente, gegenlichtartige Helligkeit, die keine Schatten bildet. Stattdessen finden sich oft Lampen, Heizkörper, als gleichsam zivilisatorische, also künstliche Licht- und Wärmequellen.

Was wir in den Bildern sehen, sind keine Naturdinge, nichts ist gewachsen, alles ist gemacht, gefertigt mit der Perfektion, die nur die Wiederholung des immer Gleichen in der Industrieproduktion zulässt. Es sind Gegenstände, mit denen sich der Mensch umstellt hat, die Rationalität ausdrücken, durchdachte Konstruktion und Produktion, ja, technische Intelligenz – aber auch Banalität. Eine Welt, in der die Dinge, die der Mensch geschaffen hat, in ihrer Verlassenheit ein Eigenleben zu führen beginnen, wie in der Zeichnung „Der sichtbare Dritte“, wo scheinbar die Möbel in einen Dialog treten und plötzlich eine Geschichte erzählen.


Gehe ich von den räumlichen Motiven wie Flugzeugabteil, Zugabteil, Hotel aus, so sind es jene Räume des modernen Menschen, der meint, sich zu bewegen, indem er reist, und doch bewegt er sich lediglich von Innenraum zu Innenraum, von einer künstlichen Welt zur anderen. Natur bleibt auch im Zwischenraum ausgeblendet, wie in den Schnellstrecken des Intercity – es herrscht der absolute Stillstand in der Bewegung. An diesen Orten ist kein Ankommen und kein Bleiben. Sie erhalten ihre Spannung aus dem Gegensatz von Bewegung, wie sie das Motiv nahe legt, und Stillstand, wie sie deren Darstellung vermittelt: Akkurat, keimfrei, eingefroren.

Der Ausschnitt eines Eisenbahnabteils vermittelt durch die symmetrische, zentralperspektivische Komposition mit dem Blick auf das milchige Rechteck des Fensters mit seinem diffusen Licht eine geheimnisvoll transzendente Atmosphäre, wird zum Bild eines trivialen Meditationsortes, in dem Zeit aufgehoben ist wie sonst nur in sakralen Räumen. Auch das Flugzeuginnere, das noch von anheimelnder Nostalgie sein könnte mit seinen Korbstühlen, hat nichts Freundliches, im Gegenteil verweist und schon die seltsam anmutende Darbietung der Gurte auf die sichere Position der Distanz.


Die Genauigkeit der Zeichnungen ist kaum zu übertreffen: Das Gewebe der Polster, das Geflecht der Korbstühle, die feine Bügelfalte in der Damastdecke, die Riffelung eines Fensterglases, gehämmertes Blech, Blumentapete, blankgefegte Kunststoffoberflächen, Holzstrukturen, die feinen Spiegelungen im Glanz des Fußbodens, die beinahe unmerkliche Unregelmäßigkeit im Faltenwurf der Gardinen. Eine scheinbar zum Greifen nahe Stofflichkeit und Präsenz, die doch ungreifbar bleibt, schon weil alles in ein schattenloses Licht getaucht ist, das die unwirkliche Atmosphäre schafft. Die übersteigerte texturelle und materielle Wiedergabe der Gegenstände scheint sie zu entmaterialisieren, die Realität der Bilder entgleitet uns wieder, was ihnen dadurch geradezu etwas Übersinnliches gibt. Mit dem raffinierten Aufeinandertreffen der Materialien und Formen schaffen die Bilder eine Spannung zwischen Rationalität und Empfindung.

Schon in diesem Zusammenstoß von übersteigerter Realität und Transzendenz liegt das Eigenwillige und Besondere dieser Arbeiten. Astrid Brandt verfolgt ihr eigensinniges Arbeitsprinzip und Bildkonzept konsequent, ohne sich von zeitgeistigen Vorstellungen beirren zu lassen, und etwas von dieser Unbeirrbarkeit steckt nun in jedem ihrer Bilder. Ihnen haftet etwas Obsessives an, und nur eine obsessive Haltung lässt ein derartiges Vorgehen im Bildermachen zu.

 

Margot Michaelis (2000): Einleitung. In: Astrid Brandt - Bleistift Papier. Werkkatalog. Braunschweg: S. 9.